Installation view  |  Punkt und Linie  |  Smudajescheck Galerie, Munich  |  Collaboration with Hayato Mizutani and Franziska Straubinger  |   08.05.2025 – 17.05.2025

Photo: Wanying Xie

Ein Text von Franziska Straubinger, Kunsthistorikerin 


„Punkt und Linie“: ein Begriffspaar, das zunächst banal klingt, offenbart sich – die Aufmerksamkeit einmal darauf gerichtet – als das fundamentale Ausdrucksmittel menschlicher Kultur. Ein Punkt ist der Beginn einer jeden Linie, jede Linie der Beginn einer Zeichnung, eines Zeichens; kurzum: der Beginn von Geistigkeit.  

„Die ganze Welt ist in diesen elementaren Formen enthalten“, hielt Kandinsky in seinem Traktat Punkt und Linie zur Fläche 1926 fest, denn siehe da: Punkte und Linien strukturieren den erlebten Raum in Form von Kartografien des Himmels oder der Erde, gewinnen in der Kunst des 20. Jahrhundert an Eigenständigkeit und werden in der digitalen Ära zu Pixeln und Vektoren. Punkte und Linien wurden lesbar zu Schrift, Lettern und Musiknoten und vermitteln so Informationen und Emotionen.  

Punkte und Linien sind zudem auch Bestandteile eines jeden Kunstwerks – sei es zögerlich gesetzte Punkte und Linien in der Entstehung einer Portraitzeichnung oder in der minimalistischen, gegenstandslosen Kunst. Diese Elemente fügen sich in ihrer Gesamtheit schlussendlich zu einem Ganzen, das wiederum in der Werkerfahrung „gelesen“ oder erspürt werden kann und somit Emotionen und Gedanken in Gang setzt.  

Die Münchner Künstlerin Miriam Salamander (*1991) beschäftigt sich seit Beginn ihres künstlerischen Schaffens mit Punkten und Linien an sich, indem sie u.a. Zink- und Kupferplatten mit Linien versieht, um Landschaften darin zu verewigen und auf Papier zu drucken. Diese Linien verselbstständigen sich, wenn sie im Rahmen ihrer Reihe Annotations of passing landscapes aus dem Zug heraus vorbeiziehende Landschaften in eine Art Stenografie, bestehend aus Punkten und Linien, übersetzt, die dann wiederum von den Betrachtenden „gelesen“ werden kann.  
Ferner zeigen sich weitere Bedeutungsebenen in Salamanders zurückhaltenden, poetisch-tänzerisch anmutenden Morsecodes: auf unterschiedliche Art nähert sie sich in ihrem Werk der Frage, wie aus Fläche Raum entstehen kann. Dabei spielt das Material Papier eine zentrale Rolle. Durch das Übereinanderlegen und Abstufen von meist handgeschöpften Papieren, die mal mehr, mal weniger lichtdurchlässig sind, entsteht Raum. Ein Raum, in dem durch mit Bedacht platzierte Punkte und Linien – als Spuren einer Gebärde und Fragmente einer erlebten Zeit – ein Spannungsfeld entsteht und erfahrbar gemacht wird.  

Salamanders Faszination für die Linie überträgt sich auch auf den Entstehungsprozess des Werkstoffes Papier selbst, indem sie traditionelle Nutzpflanzen wie Flachs und Hanf in ihre Fasern auseinandernimmt. Diese einzelnen „Pflanzenfaserlinien“ werden mit Wasser zu einer Masse in einem Mahlvorgang zersetzt und schließlich zu Papier geschöpft. Die aufgelöste Linie wird zur Fläche.  

Seit 2023 entstehen so auch dreidimensionale Arbeiten: bei Werken aus der Reihe der Reliefs wurde der noch flüssige Zellstoff aus Agave auf Sand am portugiesischen Meeresstrand gegossen. Der vorbeiziehende Wind ließ Gräser „Zeichnungen“ in die Oberfläche der Masse malen, darunter drückten sich Sandkörnchen ein. Im trockenen Zustand dann erfolgte die Loslösung vom Standort – wie eine Häutung – und zurück bleibt die Topografie eines flüchtigen Moments. 

Was Salamander in diesen Abgüssen als Moment von Beschränkung (begrenzte Druckmasse) und Spontaneität (Gräser, die über die Fläche streichen) einzufangen versucht, berührt ein Thema, das sie bereits 2019 zusammen mit dem befreundeten Künstler Hayato Mizutani in Punkt & Linie bearbeitete. Beide wollten damals untersuchen, wie sich intuitives Arbeiten innerhalb eines gesetzten Regelwerks entfalten kann. So kamen sie auf die Idee, einen Monat lang jeweils in einem kleinen Skizzenbüchlein morgens ein Raster bestehend aus 4 x 5 roten Punkten zu malen. Im zweiten Schritt sollte eine schwarze Linie – ohne Absetzen – an jedem dieser Punkte einmal vorbeikommen.  

Punkte und Linien nutzt der Künstler Hayato Mizutani (*1985) als Werkzeuge, um Kunst im öffentlichen Raum zu planen. Vor Umsetzung fertigt Mizutani maßstabsgetreue Modelle an, in einem nächsten Schritt folgen detaillierte Pläne. Seine Kunstwerke zeichnet dabei eine starke soziale Komponente aus. So lässt er Orte der Verbindung entstehen, sei es z.B. in Form eines Tisches mit fünfzehn Metern Durchmesser (Where people meet people, 2021) womit ungewöhnlich viele Menschen an einen gemeinsamen Tisch gebracht wurden, oder in Form eines Waldpavillons (Waldpavillon in Nebra, 2021), der die Besucher*innen dort mit Natur, Geschichte und den Gestirnen in Verbindung bringt. Zunächst unsichtbare Verbindungslinien werden hier jeweils an diesen Plätzen der Begegnung gezeichnet, die dann in der auslösenden Interaktion der Besucher*innen sichtbar werden. 

Doch Mizutani erarbeitet nicht nur monumentale Werke für den öffentlichen Raum; sein Blick oszilliert in seinem Schaffen oftmals zwischen nah und fern und manchmal werden in diesem Kontext uns alltägliche Dinge in ihre Einzelteile (Punkte!) zerlegt, wie z.B. die einzelnen Kristalle aus einem 1g-Päckchen Salz gezählt (1 g of salt, 2018) oder die durchschnittlich 100.000 Mal, die ein Menschenherz täglich schlägt in Form von Punkten auf Papier visualisiert (100.000 times, 2020).  

In eigens für diese Ausstellung entstandenen Werken aus der Reihe It sank in, became a stain wird das Thema von „Punkt und Linie“ wesentlich abstrakter umgesetzt und befasst sich mit der Kehrseite des Phänomens Gemeinschaft: das Dazugehörenwollen, das emotionale „Nah und Fern“. Auf Leinwand verteilte Kaffeeflecken, die von einem Schluck zu ganzen Inseln gewachsen sind, bedecken oder grenzen an Phrasen wie „I lost my country“ und „I wanted, they had to“. Hier verarbeitet der Künstler gehörte und gesprochene Sätze, die, einmal ausgesprochen, sich in ihm festgesetzt haben wie ein hartnäckiger Fleck und teilweise jahrelang nachhallen und ihre Kreise ziehen. 

Somit verarbeitet der in München lebende Japaner Mizutani eben auch Erfahrungen von Heimweh, Rassismus und Einsamkeit in seiner Kunst. Begriffe wie Einsam, Zwang oder Land seziert der Künstler in der Reihe Wörtersammlungen in ihre Bestandteile mittels der aus dem Langenscheidt Wörterbuch Deutsch als Fremdsprache gegebenen Definitionen und erschließt sie durch das stete Entlanghangeln an weiteren, verwandten Begriffen. Diese Begriffssammlung wird in einem 7 x 8 Raster arrangiert und von Mizutani auf Nägeln aufgespießt, in Anlehnung an Insektenpräparate der Zoologie. Von einem titelgebenden einsam ausgehend, führen Wege zu Gefühl, Kummer, Sorge – aber auch zu MenschfühlenGlück. Diese Begriffe aus dem Kontext menschlichen Daseins werden von Mizutani nicht in handschriftlicher Form festgehalten, sondern direkt aus dem Wörterbuch mit dem Skalpell hinausseziert und gewähren einem durch die Schaukasten-Präsentation, gewissermaßen als „Landkarte“, einen distanzierteren Überblick. Durch die analytische Kartierung allgemeiner menschlicher Existenz bleibt das Besondere der individuellen Existenz aber seltsam außen vor – sodass die Betrachter*in zunächst auf ihre eigene Einsamkeit zurückgeworfen wird. In einem nächsten Schritt wird diese Realisierung zu einem Verbindungselement, die 

so der Einsamkeit die Spitze nehmen kann. Mizutani transformiert so individuelle Erfahrungen, indem er von diesen Punkten ausgehend Linien auch zur Betrachter*in zieht. 

So zieht sich in dieser Ausstellung eine Linie: von Salamanders Untersuchungen der Spannungsfelder zwischen Punkten und Linien und deren Möglichkeit der Raumentfaltung zu Mizutanis Kunst, die ausgehend vom Wort und Wortwörtlichem als Punkt Verbindungslinien zur menschlichen Existenz zieht.   

Die Arbeiten beider Künstler*innen bestechen durch ihre Einfachheit, die aber keinesfalls flach und dimensionslos bleibt, sondern stets volles Bewusstsein um das elementare Potenzial von Punkt und Linie beweist.  

„Die ganze Welt ist in diesen elementaren Formen enthalten“ – auch hier in den Räumen der Smudajescheck Galerie ist eine ganze Welt enthalten. Eine Welt aus Punkten und Linien, die Sie nun mit Zeit und Zuwendung erfahren und erlesen können. 

Ein Text von Franziska Straubinger 

Kunsthistorikerin